Kontext
Vom Maßstab zum Albtraum
Der 1.2 PureTech der Peugeot 208, einst als technische Referenz gefeiert, vereint heute schwerwiegende Defekte rund um seinen im Ölbad laufenden Zahnriemen. Diese „Belt-in-Oil"-Technologie, eingetaucht in das Motoröl, zersetzt sich vorzeitig und verursacht katastrophale Pannen, mitunter schon ab 40.000 km.
Technik
Ein verschwiegener chemischer Mangel
Das eigentliche technische Problem, das Stellantis lange verschwieg, liegt in der Verdünnung des Öls durch Benzin. Im Stadtverkehr oder bei Kurzstrecken erreicht der Motor nicht seine optimale Temperatur und spritzt angereicherten Kraftstoff ein. Ein Teil dieses unverbrannten Benzins wandert entlang der Zylinder in die Ölwanne und bildet ein korrosives Gemisch, das den Nasslauf-Zahnriemen chemisch angreift.
Dieser quillt auf, verliert seine Struktur und setzt Gummipartikel frei, die das Sieb der Ölpumpe verstopfen. Der Öldruck fällt daraufhin schlagartig ab und entzieht lebenswichtigen Bauteilen wie dem Turbolader, den Nockenwellen und der Kurbelwelle die Schmierung. Die Rechnungen für einen Motortausch können 10.000 € erreichen.
Sicherheit
Tödliches Risiko für die Bremse
Der gefährlichste Aspekt betrifft die Vakuumpumpe des Bremskraftverstärkers, die vom kontaminierten Motoröl versorgt wird. Wenn Zahnriemen-Rückstände diese Pumpe verstopfen, verschwindet die Bremskraftunterstützung schlagartig: Das Pedal wird extrem hart und der Bremsweg verdreifacht sich. Dieser Sicherheitsmangel löste einen massiven Rückruf von mehr als 500.000 zwischen 2013 und 2017 produzierten Fahrzeugen aus.
Wartung
Drastische Wartung zwingend erforderlich
Angesichts der zunehmenden Schäden senkte Stellantis das Wechselintervall des Zahnriemens klammheimlich auf 100.000 km oder 6 Jahre, gegenüber den anfangs versprochenen 180.000 km. Unabhängige Experten empfehlen inzwischen einen Ölwechsel alle 10.000 km mit einem speziellen Öl (Norm FPW9.55535/03) sowie einen vorsorglichen Wechsel des Zahnriemens bereits bei 60.000 km, um die Katastrophe zu vermeiden.
Die von Peugeot angebotene Messlehre zur Überprüfung des Zahnriemenzustands erkennt nur dessen seitliches Aufquellen, ignoriert jedoch innere Risse und die Verschmutzung des Ölansaugsiebs. Motoren, die diesen Test bestanden hatten, blieben wenige Wochen später liegen.
Entwicklung
Erzwungener Umstieg auf die Steuerkette
2023 führte Stellantis eine 3. Generation des PureTech mit einer Steuerkette ein, um den mangelhaften Zahnriemen zu ersetzen. Dieser Umschwung kommt einem Eingeständnis des technischen Scheiterns gleich. Allerdings war dieser neue Motor bereits im Juli 2025 Gegenstand eines massiven Rückrufs von 238.000 Fahrzeugen wegen Brandgefahr durch die Kraftstoffleitungen.
Kostenübernahme
10 Jahre Garantie unter strengen Bedingungen
Stellantis verlängerte die Motorgarantie im März 2024 auf 10 Jahre oder 175.000 km. Doch diese Deckung setzt eine tadellose Wartungshistorie über die letzten drei Jahre voraus, mit einer maximalen Toleranz von 3 Monaten oder 3.000 km Überschreitung. Das Fehlen einer einzigen Rechnung, die die Verwendung des zugelassenen Öls belegt, genügt, um die Garantie zu entwerten.
Rechtliches
Sammelklage vor Gericht
Mehr als 8.600 geschädigte Besitzer haben sich auf der Plattform MyLeo zu einer Sammelklage gegen Stellantis zusammengeschlossen. Sie werfen dem Hersteller schweren Betrug und die Gefährdung des Lebens anderer vor. Nach dem Scheitern der gütlichen Verhandlungen wurde im Februar 2025 ein Strafverfahren eingeleitet.
Markt
Einbruch des Gebrauchtwagenwerts
Der Begriff „PureTech" ist auf dem Gebrauchtwagenmarkt zum Abschreckungsmittel geworden. Manche Händler weigern sich inzwischen, diese Fahrzeuge ohne Nachweis eines kürzlichen Steuertrieb-Wechsels in Zahlung zu nehmen. Um überhaupt verkaufen zu können, müssen Besitzer Abschläge von 20 bis 30 % gegenüber dem offiziellen Marktwert hinnehmen.

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